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Worum geht es bei Degrowth / Postwachstum?

(Ein kurzer Überblick für Samstag, den 04.12.)

Hallo alle miteinander, 

da sich der komplette Samstag um die Thematik Degrowth / Postwachstum drehen soll und erfahrungsgemäß viele Menschen wenig bis gar nichts mit dieser anfangen können, haben wir vom Orga-Team uns gedacht, dass es nicht schlecht wäre einen groben inhaltlichen Überblick darüber zu geben.

Also: Worum geht es bei Degrowth und Postwachstum überhaupt? Zunächst einmal möchten wir zur Vereinfachung nur von Degrowth sprechen. Die beiden Begriffe Degrowth und Postwachstum (aber z.B. auch der décroissance – Begriff) beschreiben zwar im Detail nicht exakt das Gleiche, im Kern jedoch schon.
Der Begriff Degrowth ist ein gewollt subversiver Begriff, der die in modernen Gesellschaften oft als selbstverständlich erscheinende Verknüpfung von Wachstum und “besser” aufbrechen soll.

Degrowth bedeutet also zuallererst einmal Wachstumskritik. Degrowth-Anhänger*innen fordern die Dekolonialisierung der öffentlichen Debatte von der Sprache des Ökonomismus und die Abschaffung des Wirtschaftswachstums als gesellschaftliches Ziel.

Die zentralen Thesen, welche in der Degrowth-Gemeinde fest verankert sind, lauten:
1.) Eine Dematerialisierung durch technologischen Fortschritt ist nicht möglich
2.) Ein katastrophaler Klimawandel ist unausweichlich, wenn am Wachstum festgehalten wird
3.) Die entwickelten Volkswirtschaften werden, zum Teil durch die Knappheit der Ressourcen, in eine Periode systemischer Stagnation eintreten
4.) Eine Abkehr vom Wachstum wird die Politik eher wiederbeleben und die Demokratie fördern als zur Zerstörung beider zu animieren. 

Neben dem Wachstum kritisieren Degrowth-Anhänger*innen außerdem das BIP als wichtigsten Wohlstandsindikator, die Kommerzialisierung sämtlicher Lebensbereiche, sowie den Begriff der (nachhaltigen) Enwicklung. 
Auch der Kapitalismus steht bei vielen, wenn auch nicht bei allen, Anhänger*innen regelmäßig in der Kritik.

Jedoch beschränkt sich Degrowth nicht nur auf Kritik. Die Degrowth-Gemeinde zeigt auch eine erwünschte Richtung auf, eine Richtung in der Gesellschaften (insb. die des globalen Nordens) weniger natürliche Ressourcen verbrauchenresilienter und autonomer werden, sich anders organisieren und anders leben als heute. Begriffe wie “Teilen”, “Einfachheit”, “Konvivialität”, “Fürsorge” und “Commons/Allmende” geben wichtige Hinweise darauf, wie diese Gesellschaft aussehen könnte. 

Degrowth ist auch eine Frage danach wie wir als Menschheit unsere Überlebensfähigkeit, die wir im laufe der letzten Jahrzehnte zunehmend verloren haben, wieder zurückgewinnen können und wie wir ein gutes Leben für alle Erdenbürger erreichen können. Degrowth kann man im Allgemeinen auch als eine offene Frage verstehen, da die Transformationsstrategien innerhalb der Bewegung divers sind und zumindest bis heute kein Konsens über den Zielzustand für eine Degrowth-Gesellschaft in Sicht ist.

Degrowth kann man auch mit der Idee in Zusammenhang bringen, dass kleiner schön sein kann. Degrowth steht aber nicht nur für weniger, sondern auch für anders. Degrowth steht also auch für eine Gesellschaft, die andere Strukturen hat und neue Aufgaben erfüllt. Degrowth verlangt nicht, dasselbe in einem kleineren Rahmen zu tun. Das Ziel ist nicht den Elefanten kleiner zu machen, sondern es geht darum ihn in eine Schnecke zu verwandeln. 
In einer Degrowth-Gesellschaft wird alles anders sein: andere Aktivitäten, andere Energieformen, die eingesetzt werden, andere Beziehungen, andere Geschlechterrollen, eine andere Aufteilung der Zeit zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit, andere Beziehungen zur nichtmenschlichen Welt.

Degrowth- und Postwachstumskonzepte sind klar von jenen Konzepten abzugrenzen, welche die Nachhaltigkeitsdebatte der vergangenen Jahrzehnte geprägt haben und heute immernoch maßgeblich prägen. Dazu zählen Konzepte wie z.B. Grünes Wachstum, Green (New) Deal, Dekarbonisiertes Wachstum oder Qualitatives Wachstum.

Einige Stichpunkte zur Geschichte der Bewegung:

  • 1971: Nicholas Georgescu-Roegen veröffentlichte sein Magnum opus The Entropy Law and the Economic Process. Roegen war der Pionier der Umweltökologie und der Bioökonomie
  • Vorläufer des heutigen Degrowth-und Postwachstumsbegriff war der décroissance-Begriff. Dieser wurde 1972 erstmals vom französischen Intellektuellen André Gorz verwendet. Gorz wurde geprägt von Georgescu-Roegen.
  • Bericht des Club of Rome (1972): Die Grenzen des Wachstums
  • 1979: Jacques Grinevald und Ivo Rens gaben Aufsatzsammlung von Roegen über décroissance heraus
  • 1980er und Beginn der 1990er Jahre: Mit dem Ende der Ölkrise und dem Aufkommen des Neoliberalismus schwand Interesse an den Grenzen des Wachstums und an den Degrowth-Überlegungen
  • 1990er: Zu dieser Zeit blühte in Frankreich die Debatte zunehmend auf
  • 2001 in Frankreich: Die öffentliche Degrowth-Debatte nahm hier wahrscheinlich ihren Anfang als in der Zeitschrift Silence eine Sonderausgabe zu Gedenken an Georgescu-Roegen erschien. Das von Clémentin Cheynet herausgegebene Heft verkaufte sich damals 5000-mal und erlebte zwei weitere Auflagen.
  • Die zwei Phasen der Debatte: In den 1970er Jahren lag der Schwerpunkt der Kritik auf den begrenzten Ressourcen. Ab 2001 lag der Schwerpunkt dann auf der Kritik an der vorherrschenden Idee der “nachhaltigen Entwicklung”
  • 2002 in Paris: Konferenz Défaire le développement refaire le monde
  • 2002 in Lyon: Gründung des Institut für Wirtschafts-und Sozialforschung für nachhaltiges Degrowth
  • 2003: 1. Internationales Kolloquium zum Thema sustainable degrowth mit über 300 Teilnehmern aus Frankreich, der Schweiz und Italien
  • Von Frankreich ausgehend, wurde décroissance ein Slogan, den grüne Aktivisten und Gloablisierungsgegner 2004 in Italien (als decrescita) und 2006 in Katalonien und Spanien (als decreixement und decrecimiento) aufgriffen.
  • 2004 in Frankreich: Konferenzen, direkte Aktionen und Initiativen wie die Zeitschrift La Décroissance, le journal de la joie de vivre. Die Zeitschrift hat heute inzwischen Monatsauflagen von 30000 Exemplaren
  • 2007: Gründung des akademischen Kollektivs Research & Degrowth in Frankreich
  • 2008: Degrowth Konferenz in Paris. Hier wurde erstmals der englische Begriff degrowth “offiziell” gebraucht
  • Weitere, regelmäßige Degrowth-Konferenzen: 2010 in Barcelona; 2012 in Montreal und Venedig; 2014 in Leipzig; 2016 in Budapest; 2018 in Malmö, Mexiko-Stadt und Brüssel; 2021 in Manchester
  • Über die Jahre wuchs Degrowth-Forschungsgemeinschaft über ihre Hochburgen in Frankreich und Italien hinaus
  • Seit 2008: Degrowth– Begriff erhielt Einzug in wissenschaftliche Zeitschriften
  • Der Degrowth-Gedanke ist Gegenstand der Lehre an Universitäten in aller Welt geworden, darunter auch an prestigeträchtigen Einrichtungen wie SciencePo in Paris

Literatur: D´Alisa, Giacomo/Demaria, Federico/Kallis, Giorgos (Hg.) (2015), Degrowth: Handbuch für eine neue Ära, München: oekom.